WAT'n...?
Mehr als Abenteuer, Ganoven, Schattenwelt & Hokuspokus
"Was kann ich denn dafür, dass mir alle naselang 'n Abenteuer auf die Schulter klopft und mir solange hinterher latscht, bis ich mich endlich zu ihm umdreh und guck, was es von mir will...?"
Die meisten Geschichten beginnen dort, wo ein Gedanke die Zeit findet, sich kurz zu setzen und einmal in aller Ruhe einen unverstellten Blick in die Welt zu tun.
Vonwegen. In Ruhe…wat 'n Quatsch…kaum bin ich auf, da fängt das schon an. Und wenn ich dann erst draußen bin und eigentlich bloß zur Schule will, zuppeln und ruckeln die Abenteuer an mir herum, wie die olle Spargel-Tanja aus meiner Klasse und hören erst damit auf, mir auf den Geist zu gehen, wenn ich mich zu ihnen umdreh und sie mir zur Brust nehm.
Kann aber auch schon viel früher sein. Also vor dem Aufstehen, mein ich. Wenn eigentlich Zeit ist zu schlafen und man nich noch groß durch die Weltgeschichte stiefeln sollte. Oder sich auch bloß einfach weiter unter die Decke schiebt, mit 'm Messer.
Vor allem, wenn ich bei Opa und Oma bin, passiert das oft, dass ich gar nicht richtig in 'n Schlaf komme, weil so viel Zirkus in meinem Zimmer is. Und dahinter…also…hinter der Wand von meinem Zimmer, da wo nich mal unsere Katze hinkommt, die von Oma und Opa. Davon erzähl ich aber keinem. Hab ich mal. Aber da hat mir keiner geglaubt.
Genau wie mit dem ollen Perlen-Fiete.
Dass der so heißt, wusste ich da noch nich.
Ostern war 's…und alle waren noch beim Osterfeuer zu Gange, die ganzen Nachbarn aus unserer Wieke und die, die zu unserer Familie gehören, wie die Vettern von Oma zum Beispiel. Und 'n paar von den anderen in meinem Alter. Wir hatten den ganzen Tag über noch Zweige und Bretter und alles, was irgendwie aussah, als könnte das gut brennen gesammelt und dann mit alle Mann fein säuberlich in den Osterhaufen eingebaut.
Opa ist jedes Jahr der, der das Feuer anzündet und deswegen is er auch schon beim Aufbauen dabei und zeigt jedem, wo er die Sträucher, Bretter, Planken, altes Stroh, Zeitungen, Hefte oder was weiß ich alles, was die da manchmal so ranschluren, hinhaben will, damit das Osterfeuer nachher auch ordentlich runter brennt und Tant Gredel am Ostersonntag nich noch all mit der Feuerhake die Glut hüten muss. Damit sich nich 'n Funke überlegt, mit dem nächsten Wind mal eben zu gucken, wo er da überhaupt zur Welt gekommen is und womöglich noch auf 'm Heuboden landet, weil der Wind mit 'm Mal keine richtige Puste mehr hat oder 'n Schluckauf kriegt.
Na, wie auch immer…da geht 's ja grad nich drum…gab an dem Samstag durchgestampfte Bohnen mit Speck und Roggenbrot mit guter Butter und Marmelade aus 'm Glas, das Oma hinten in der Upkamer oben auf einem der Regale zu stehn hat.
Is nun keine Zauberei so 'n Essen, das man da nun groß von reden müsste…bloß…diesmal war da 'ne ordentliche Ladung Zwiebeln drin. Sollte gar nich, aber Anni Tholen von nebenan, kam grad rüber als Oma beim puhlen und schnippeln war.
Und wenn Tant Anni erstmal anfängt zu reden, dann scheint der Mond schneller, als dass man bei ihr einen Punkt oder ein Komma in dem finden kann, was sie so alles zu erzählen weiß.
Dabei wollte sie an dem Tag bloß eben von Oma Zucker leihen für 'n Weißbrot zu Ostersonntag.
Tja…so kam das…und an dem Abend, wo wir ja wegen dem Osterfeuer all am toben und rennen und so waren, sorgten die Extrazwiebeln dann auch für gehörig Musik zwischen den beiden Mondhälften…da, wo der Rücken zu Ende geht.
Weil man aber ja nun nich immer gleich weiß, ob da nich auch mal 'n Stück Land mitkommen will, dachte ich mir: geh mal besser eben richtig, bevor man später Oma oder Mama unnötig erklären muss, wo der Streifen am Horizont herkommt, wenn die die Wäsche machen wollen.
Gedacht, gemacht.
Wäre auch einfach hinten im Land gegangen, 'n Stückchen zu Honig-Henni hin. Bloß, wenn da dann einer von den andern hinter einem her stiefelt und so.
Also hab ich mir von Oma den Schlüssel fürs Haus geholt und bin auf die Keramik.
Hat dann doch noch erst nur Gewitter gegeben. Aber besser so, als anders.
Hält mir aber zu lange an, so nix machen zu können, als all zu warten, dass da mal was mit Substanz kommt, wie unser Rektor Schmidt immer sagt, wenn er was fragt und Ralf dann nur Fragezeichen in die Klasse grinst und dann was sagt, was nich mal er selber versteht, glaub ich.
Ja, also…Langeweile is nich so meine Sache und so bin ich dann angefangen, mir Klogedichte auszudenken…
und als ich grad einen richtigen Reim drauf gefunden hatte, glotzt mit 'm Mal so 'n riesiger Kopf durchs Klofenster…
verdammte Hacke…
da hatte das Warten aber gleich ruck zuck 'n Ende…
und mir rutschte das Herz erst Richtung Hose…weil die ja aber nich an war, sondern alles frei über der Keramik hing, schlug mir das dann im nächsten Moment voll im Hals und von da gegen die Ohren, dass ich erst gar nix mehr hören konnte…
und denn…
Tja, was soll man da antworten?
Wie beispielsweise Zuhälter Max, den man im Millieu besser unter dem Namen "der Stramme Max" kennt, mit seinem "Nagel-Studio" im Hoheellernweg, nicht weit vom Hauptbahnhof in Leer, wo es nicht nur um die Pflege der von Arbeit gezeichneten Hände geht.
Und dann wären da noch die beiden wortkargen "Klemm-Brüder". Zwillinge, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, doch mit einer gemeinsamen Leidenschaft, die sie mit niemandem sonst gern teilen. Oder "Schlicki-Piet", um nur noch einen von den Schattengestalten zu nennen. Wobei diese vier noch eher zu der "angenehmeren" Sorte Gauner und Ganoven gezählt werden dürfen.
Ostfriesland in den goldenen 1920er Jahren.
Es herrscht allgemein Hoffnung auf eine bessere Zeit, nach dem verlorenen, großen Krieg und all den Entbehrungen, die er für Millionen Soldaten des deutschen Kaiserreichs, aber nicht zu Letzt auch für die Menschen in den Städten und auf dem Lande mit sich brachte.
Aber es ist auch die Zeit des wirtschaftlichen, technischen und politischen Umbruchs.
Ein Tauziehen zwischen dem Ruf nach grenzenloser Freiheit, künstlerischer Entfaltung und der nicht weniger lauten Forderung nach Ordnung und Beständigkeit, die die Weimarer Regierung seit Ende des Krieges nicht garantieren kann.
Was nicht zu Letzt auch daran liegt, dass er nicht gerade selten Hausarrest bekam und die Zeit mit Lesen verbrachte. Geschichte insbesondere. Aber das ist schon eine Geschichte für sich.
"Aber die erzähl ich später. Oder…hab ich ja schon, denn die steht längst in dem Buch, was der große Thomas über mich geschrieben hat. Das erste von 'ner ganzen Reihe. Weil ich so viel zu erzählen hab und er das gar nich alles in einem Buch unterkriegen kann. Wie er mir immer wieder sagt, sobald ich anfang, mich beim Sprechen fast selbst zu überholen.
Ich wollt' aber noch eben was zu mir sagen…also über mich…wegen dem, dass einige meinen…ich wär 'n Frechdachs oder so…Das is nämlich Quatsch.
Sowas sagen bloß Leute, die mich nich kennen und auch sonst nichts wissen.
Von denen is ja auch nie einer wirklich dabei, wenn einem mit 'm Mal der Arsch gehörig auf Grundeis geht, weil einem zum Beispiel so 'n oller Schmierlappen die Gurgel zudrückt. Bloß wegen meiner Neugier und ich da eigentlich auch nur kurz in dem alten Haus nach was gucken wollte, das man brauchen könnte…wo da doch keiner mehr drin gewohnt hat.
Oder hinten bei der Fähre in Loga, wo man bei der Evenburg lang kommt und der Pfadfinderstamm Wildgänse sein Lager hat. Als wir da mit 'n paar Mann von uns waren, um zu gucken, was die drei merkwürdigen Gestalten in dem Boot versteckt haben.
Mit 'n paar Mann? Ja, von unserer Bande. Is ja nun nich so, dass ich immer überall allein reinrutsch.
Oder mit meinem besten Freund Immo, aus 'er Grenzstraße, in irgendeinem Schlamassel stecke. Wie mit den blöden Brüdern Sven und Markus, die uns ständig im Nacken sitzen und mit Kloppe drohen, wenn sie beim nächsten Mal nichts bei einem in den Taschen finden, wo 's denen grad nach 'm Sinn is.
Gibt natürlich auch jede Menge, wo man sich auch mächtig drüber freut. Wie die Sache mit dem leckeren Apfelkuchen, der uns mit seinem wunderbaren, warmen Duft nach dicken Butterstreuseln einfach zu sich gerufen hat, mitten durchs Küchenfenster, als Immo und ich grad Robin Hood am Spielen waren und für die Armen im Sherwood Forest was zu essen suchten.
Und mich 'n Frechdachs nennen, bloß weil mir aus Versehen so 'n saublöder Stein einfach 'n Strich durch die Rechnung gemacht hat und statt Bernd-Volker auf 'm Rad zu treffen, mitten in der Windschutzscheibe von so 'ner ollen Karre gelandet is, find ich nun auch nich richtig…weil, das war ja nich meine Absicht…auch wenn die Dicke mit dem toten Tier um 'n Hals das ganz anders meint und mich am liebsten gleich wegsperren lassen würde.
"Das is wie mit den Abenteuern. Die latschen einem nämlich auch oft sooo lang hinterher, bis man sich dann doch zu ihnen umdreht und fragt, was sie denn überhaupt von einem wollen. Tja... und dann steckt man auch schon mittenmang in dem Schlamassel und muss gucken, wie man da wieder rauskommt." ( O-Ton vom kleinen Lausebengel )
Es gehört zu den wenigen Genüssen meines Lebens, die ich mir häufiger und vor allem in geradezu regelmäßiger Form gönne, als ein Stück gute Schokolade oder beispielsweise einen jener köstlichen Apfelkuchen mit verführerisch duftenden Butterstreuseln, die mein kleiner Freund, der Lausebengel und Immo, sich hin und wieder auf oftmals recht abenteuerlichem Wege zu beschaffen wissen und in treuer Bruderschaft sich einverleiben.
Ich rede vom allmorgendlichen Lauf durch meine schöne, friesische Heimat.
Der Tag beginnt gut vier Stunden nach Mitternacht, also in der Früh.
Zumindest in den Jahreszeiten, die in besonderem Maße geradezu einladen, es dem oft zitierten frühen Vogel auf der erfolgreichen Jagd nach dem Wurm, gleich zu tun, wie etwa das mittlere Frühjahr bis hinein in den beginnenden, späten Herbst.
Nach einem flüchtigen, mehr beiläufigen Blick durch das kleine Fenster neben der Tür des Hinterhauses, beginnen die Gedanken zwischen meinen Ohren ihren Wettlauf um meine Gunst und allerhöchste Aufmerksamkeit. Derweil beginne ich mit den üblichen Ritualen, die ein gesunder Geist, aktiver Körper und eine stets aufmerksam beobachtende Seele zur Harmonisierung benötigen und auch mit gutem Recht fordern.
Nach einem leichten ersten Mahl, bestehend aus einer Schüssel Haferbrei mit Milch, gutem Sirup und einer Handvoll Nüssen und sorgsam nach der eigenhändigen Ernte getrockneten Früchten aus heimischem Garten und freier Flur, so sie noch in der Vorratskammer zu finden sind.
Meine treuen, stets freudig das Leben bewedelnden Begleiter ins Geschirr gebracht, die Mütze auf den Kopf, meiner Liebsten einen Kuss auf Stirn und Mund. Und schon geht's in eine sich gerade aus dem Nachtlager erhebende Welt voll Abenteuer, die es zu entdecken gilt.
Herrlich.
Ganz eins mit den Elementen und einer Luft, die noch die gesamte Frische und Lebenskraft in sich trägt, zieht unser kleiner Spähtrupp durchs Land, über Äcker, Wiesen, Gräben und durch lichte Alleen.
Manch Pfad, den Baldur, Bragi und Bran mit mir dabei in raschem Schritt erobern, lässt hier und da den Abdruck meiner Ahnen fühlen, als wären sie zugegen und dabei eben erst zu Fuß oder hoch zu Ross uns vorangeeilt.
Ein kleiner Klugscheißer auf dem Weg durchs große Leben.
"Geschichte und Geschichten mit Herz, Verstand... un wat man dor noch so all to bruken deit."
Eine humorvolle und abenteuerliche Reise durch das Ostfriesland der 1920er Jahre aus der Sicht eines Lausebengels.
"Ein Buch, wie ein Nachtisch."
Natürlich, erfrischend leichter Lesegenuss, frei von Zucker.





















